BiOfunk (51): Vom Darm ins Gehirn – Wie die Parkinson-Erkrankung entsteht

Parkinson ist eine Erkrankung des Gehirns. Betroffene Patienten können ihre Bewegungen nicht mehr richtig koordinieren. Das Laufen fällt schwer, typischerweise machen sie Trippelschritte, ohne die Füße anzuheben. Bewegungen sind verlangsamt, die Sprache undeutlich und das Gesicht gleicht einer Maske ohne Mimik. Hinzukommt das typische Zittern. Diese vielfältigen Symptome entstehen, weil ein bestimmter Bereich im Gehirn geschädigt ist. Bereits seit Jahrzehnten wird die Parkinson-Erkrankung erforscht, und doch sind noch viele Fragen unbeantwortet. Z. B., wie die Krankheit ausgelöst wird. Die Schädigung liegt im Gehirn, doch beginnt die Krankheit auch dort? Es mehren sich die Hinweise, dass die Krankheit nicht im Gehirn, sondern im Darm beginnt

Parkinson ist nach der Alzheimer-Krankheit die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung. 400.000 Menschen sind in Deutschland davon betroffen. Es ist eine Erkrankung des Alters und wird typischerweise um das 60. Lebensjahr herum diagnostiziert. Parkinson entwickelt sich schleichend, mit der Zeit nimmt die Schwere der Symptome zu. Neben den Bewegungsstörungen kann es im späteren Verlauf auch zur Demenz kommen, also zum Verfall der geistigen Fähigkeiten (Abb. 1). Was passiert im Gehirn von Parkinson-Patienten? Es sterben Nervenzellen in einer kleinen Region des Mittelhirns ab. Das hat zur Folge, dass immer weniger Dopamin gebildet wird, ein wichtiger Botenstoff. Dieser Dopaminmangel verursacht direkt oder indirekt die vielfältigen Symptome. Doch warum sterben die Nervenzellen?

Sir William Richard Gowers Parkinson Disease sketch 1886

Abb. 1: Körperhaltung eines Parkinson-Kranken

Lewy Body alphaSynuclein

Abb. 2: α-Synuclein-Färbung eines Lewy-Körperchens (schwarz-braun)

Vor über 100 Jahren fand man erste Hinweise auf die Ursache. Der Wissenschaftler Friedrich Lewy untersuchte im Jahr 1912 Gehirne von Parkinson-Patienten. Und er fand auffällige Strukturen, die in gesunden Gehirnen kaum vorkommen. Kugelförmige Ablagerungen in den Nervenzellen, auch Lewy-Körperchen genannt (Abb. 2). Das diese Strukturen etwas mit der Parkinsonerkrankung zu tun haben, lag nahe. Doch es sollten 80 weitere Jahre vergehen, bis man die Zusammensetzung der Lewy-Körperchen verstand. Es sind große Klumpen zusammengeballter Proteine. Hauptbestandteil ist Alpha-Synuclein, eines der häufigsten Proteine in Nervenzellen überhaupt. In gesunden Gehirnen liegen die Synuclein-Moleküle einzeln und gelöst in den Zellen vor.

Bei Parkinson-Patienten nehmen die Proteine dagegen eine falsche Form ein. Falsch gefaltete Proteine lagern sich an andere Synuclein-Proteine, woraufhin diese sich auch falsch falten. Eine Kettenreaktion. Die Proteine klumpen zusammen, bilden klebrige Bündel und lagern sich schließlich in Lewy-Körpern ab. Viele Wissenschaftler gehen davon aus, dass diese Proteinklumpen das Absterben der Nervenzellen auslösen.
Die Lewy-Körperchen entwickeln sich zunächst im Darm und breiten sich dann bis ins Gehirn aus. Doch wie kommen die krankhaften Proteine vom Darm ins Gehirn? Der Verdacht fiel schnell auf den Vagus-Nerv. Über den Vagusnerv steuert das Gehirn die Aktivität verschiedener Organe, ohne dass man etwas davon mitbekommt. Er reicht vom Gehirn bis hin zum Nervengewebe im Magen-Darm-Trakt. Könnten die veränderten Synuclein-Protein vom Darm über den Vagus-Nerv ins Gehirn gelangen?


Weitere Informationen

Scientific American: Does Parkinson’s Begin in the Gut?

The Science of Parkinson’s: Does Parkinson’s have us by the short and curli?

FAZ: Das Zittern hat eine Geschichte

Nature: How gut microbes could drive brain disorders


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